St. Raphael – Maria Trost

Katholischer Pfarrverband in München

Die Madonna von Maria Trost

Die Angaben aus dem Ordinariat sind dürftig: „Höhe 98 cm, um 1450, Herkunft unbekannt.“ Die Figur stand bereits in der Notkirche, die 1970 abgerissen wurde. Besteht Hoffnung, dass jemand mehr weiß – und es uns sagt?

Vor 550 Jahren war die Kirche noch der Auftraggeber für die Werke fast aller Bildschnitzer, Maler, Baumeister. Das änderte sich aber bald. Das „Mittelalter“, so sehen wir es heute, ging allmählich zu Ende. Es war eine richtige Zeitenwende um 1500: Kritik an der Kirche, Bauernaufstände gegen die Obrigkeit, Rückschritt in Hexenwahn, Entdeckung der „neuen Welt“, alles kam in Fluss…

Unsere Madonna steht ruhig und würdevoll da. Heute nennen wir den Stil „gotisch“ und meinen damit in der Plastik eine Auffassung, die bei aller Liebe zum Ausdruck und zur Vielfältigkeit idealistisch war, also nicht etwa das individuelle menschliche Antlitz haben wollte. Das änderte sich bald, und Leinbergers große Maria in der Landshuter Martinskirche wurde dann ganz bewusst eine bäuerliche Frau. Eine von uns sozusagen. Von da ab wurde auch der Name des Künstlers festgehalten.

Unsere Maria, Schnitzer unbekannt, hält sich noch an die Sitten: Das nackte Kind in der rechten Armbeuge, links ein Zepter haltend, steht sie gelassen und fest da, den Körper in dem klassisch schönen „S“ der gotischen Figur sanft gebogen.

Über einem roten Unterkleid trägt sie einen Überwurf-Mantel in Gold/Silber, seitlich sieht man noch rote Blumen. Die Innenseite ist blau, das kommt an ganz genau geplanten Stellen zum Vorschein. Das Spiel mit den Stoffen, ihren Falten und Schatten, den Farben, dem nur geahnten und doch mitgefühlten Körper dahinter, war das eine große Feld der gotischen Bildschnitzer. Das andere waren das Antlitz, die Hände, die sparsame Gebärde.

Bei unserer Maria ist der Mantel oben mit einer kleinen Spange zusammengehalten, vom linken Arm aber gleich energisch geöffnet, das gibt Leben: das rote Unterkleid, die blaue Innenseite, die ganz genau überlegten, wie zufällig wirkenden Falten, und unten kommt das rote Kleid wieder – eine kostbare Komposition! Der kleine Ledergürtel, dessen Ende so lässig herabhängt, ist besonders delikat.

Auf dem Haupt trägt unsere Maria eine Krone, die nicht aufgesetzt, sondern Teil der Schnitzerei ist. Ein Kopftuch fällt locker über das Haar.

Die großen Kronen, so ist zu lesen, sind den gotischen Marienfiguren meist später aufgesetzt worden, etwa in der Zeit des Barock. Der Kopfschmuck der meisten Madonnen aus dem 15. Jahrhundert war eine Haube, ein Tuch (auch bei der bekannten Blutenburger Maria) oder ein schmaler Reif. Auch das Zepter sei meist eine spätere Zugabe, schreiben die Fachleute. Das spürt man auch bei unserer Maria. Nur: Was könnte sie vorher in der besonders fein gestalteten linken Hand gehalten haben? Ein optisches Gegengewicht zu dem Kind war ja notwendig.

Das Jesuskind hält eine goldene Kugel in der rechten Hand, wohl ein Symbol der Weltherrschaft. Die linke Hand, das ist selten zu sehen, liegt fast vertrauensselig auf der Schulter der Mutter. Die Blicke von Mutter und Kind treffen sich nicht. Die ganze Mutter-Kind-Figur ist würdevoll, herb, auf keinen Fall von irgendeiner Süßlichkeit. Das macht sie so stark.

Ein alter Metallbeschlag auf der Rückseite weist darauf hin, dass die Figur wohl auf einem kleinen Wandpodest gestanden war, mit dem Beschlag eingehakt und damit gegen Absturz gesichert.

Bei uns steht sie auf einer Betonsäule, wir sind im 21. Jahrhundert. Aber sie steht gut.

Aus einem (unsignierten) Text über unsere Maria in einem alten Angerloh-Kurier: „Es ist, als ob sie im Gebet auf eine ungewisse Zukunft wartet. So begleitet sie noch heute die Gemeinde in Untermenzing als Trösterin der Betrübten durch den Lauf der Geschichte.“

Hans Aufleger